JUNI – FOCUS OF THE MONTH

by Yogeswari |  June, 2021

WAS IST KRAFT?


maitrī-ādiṣu balāni

Durch Freundlichkeit, Güte und Mitgefühl entwickelt sich eine große Kraft im Menschen.

Patanjali’s Yoga Sutras III.24


Wenn wir das Wort Kraft hören, denken wir in der Regel zunächst an die körperliche Kraft. Der Begriff Kraft impliziert auch ein Maß an Stabilität (Sthira) und die Fähigkeit, variierendem Druck einschließlich psychischen und emotionalen Belastungen standzuhalten. Während Körperkraft gewiss nützlich ist, liegt der Schwerpunkt in diesem Sutra eher auf der psychischen, moralischen und spirituellen Kraft. Im Yogasutra II.33 (vitarka-bādhane prati-pakṣa-bhāvanam) ruft uns Patanjali dazu auf, unsere niederen Instinkte wie Gier, Eifersucht, Hass und Angst zu überwinden, indem wir sie durch gute Taten und freundliche Worte ersetzen. Möglicherweise überrascht uns anfangs, wie Entscheidungen dieser Art uns mehr Energie, Glück und innere Kraft verleihen.

Ein anderer, mit dem Wort Kraft zusammenhängender Begriff ist Macht: Darunter verstehen wir das Potential, die Energie, Dynamik und Richtung einer bestimmten Situation zu beeinflussen. Im Kontext des Yogasutra kann Macht als außergewöhnliche Wahrnehmung und übernatürliche Kräfte (Siddhis) interpretiert werden. Wir sollten niemals unterschätzen, wie wir Menschen durch die Macht der Liebe positiv beeinflussen können.

Hinter uns als globaler Gemeinschaft liegt zweifelsohne eines der eigenartigsten und herausforderndsten Jahre unseres Lebens. Viele von uns wurden mit der Zerbrechlichkeit des Lebens, mit dem Verlust unserer Liebsten und Überlebensfragen konfrontiert und haben versucht, unser Immunsystem so gut wie möglich zu stärken – ohne zu wissen, ob wir letztlich nicht doch an Covid-19 erkranken würden. In vielen Fällen verursachte die Einsamkeit psychische Probleme.

Covid-19 war und ist für uns eine außergewöhnliche Chance, die globale Verflechtung und Wechselbeziehung allen Lebens zu erkennen und Veränderungen im System vorzunehmen, die auf Mitgefühl fußen. Und doch sind Gewalt und öffentliche Unruhen, die in der ganzen Welt von Gier, Angst, Wut, Verschwörungstheorien sowie Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit angetrieben waren, nicht zum Stillstand gekommen. Die Impfpolitik und die kontinuierliche Entmenschlichung und Entmündigung der Schwächsten schaffen weiterhin zahlreiche überflüssige Hürden.

Gleichzeitig sind einzelne Held:innentaten wie die der Gemeinschaft der Sikh in Indien eine Quelle der Inspiration. Diese Menschen setzen ihr eigenes Leben dort aufs Spiel, wo das System versagt. Die Sevadar (Personen, die einen selbstlosen Dienst leisten) verwandeln Gurudwaras (Gebetsstätten der Sikh) in Sauerstoff-Langars (ein Langar ist ein kostenloses Gemeinschaftsessen in einem Gurudwara), transportieren die Kranken und verbrennen Covid-Tote. Die Sikh stehen in der Seva-Tradition (Seva ist das selbstlose Dienen) und sehen Fremde, denen sie helfen, als ihr eigen Fleisch und Blut an. Sie handeln in Einklang mit der Botschaft und Lehre der langen Abstammungslinie der Sikh-Gurus, die ihnen die Kraft gibt, rund um die Uhr und trotz unvorstellbaren Leids und unendlicher Hoffnungslosigkeit zu dienen.

Das Sutra III.24 ist eine Erweiterung des Sutra I.33 (maitrī-karuṇā-mudito-pekṣāṇāṁ sukha-duḥkha-puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaś citta-prasādanam). Es legt offen, dass wir durch das Kultivieren von Glück, Mitgefühl, Freude und Gleichmut verhindern, unsere Energie an Verwirrung, Hinterhältigkeit und Rache zu verschwenden. Stattdessen erlangen wir innere Ruhe. Insbesondere in widrigen Umständen wächst dank der fokussierten Energie unsere innere Kraft. Im dritten Kapitel Vibhuti Pada knüpft Patanjali an die Praxis des zweiten Kapitels Sadhana Pada an und erläutert Samyama, bestehend aus der Umsetzung der drei Übungsglieder Dharana, Dhyana und Samadhi. Indem eine Person Samyama auf Freundlichkeit und

Mitgefühl beherrscht, wird sie zur Verkörperung universeller Liebe und Freundlichkeit selbst. Jegliches Wanken verschwindet und der Mensch wird zu einem Leuchtturm für die Menschheit, wie Swami Nirmalananda es so wunderschön in seinem Werk „A Garland of Forest Flowers“ beschreibt.

Englisches Original: Yogeswari
Deutsche Übersetzung: Judith Quijano (Instagram: @quijanolanguages / Twitter: @Ju_Quijano)


TEACHING TIPS

  • Lege den Fokus auf stehende Asanas, das Singen und den Atmen, um den Sinn für die Verkörperung zu schärfen und um Stabilität von innen aufzubauen. Erkunde, wie Kraft, Flexibilität und ein Gefühl von Verbundenheit positive Gedanken und Gefühle hervorrufen und wir uns auf diese Weise flexibler auf sich wandelnde Lebensumstände einstellen können.
  • Lege den Fokus auf Drehungen, um Körper und Geist zu entgiften.
  • Lege den Fokus auf Rückbeugen in Kombination mit Chanten und dem Hören von Mantras zur Förderung von Liebe, Mitgefühl, Herzoffenheit und Zuversicht für die Zukunft.
  • Lege den Fokus auf Umkehrhaltungen zur Auflösung von Mustern und zur Überwindung konditionierter Weltsichten.
  • Leite längere Meditationen an. Erläutere den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Beschreibe, wie wir uns dank der Meditationspraxis allein wohlfühlen können und wie Meditation das Gefühl der Einsamkeit verschwinden lässt.
  • Stelle Forschungsergebnisse darüber vor, wie Asanas, Kriyas, Pranayama, die Ernährung und der Lebensstil das Immunsystem stärken können.
  • Erkunde, wie sich die Praxis von Ashtanga Yoga mit den verschiedenen Aspekten der Kraft befasst. Das Sutra III.24 ist Teil des Vibhuti Pada. Vibhuti ist heilige Asche, die aus dem heiligen Feuer Homa gewonnen wird. Symbolisch steht die Asche für das Überbleibsel der intensiven Tapas-Praxis, die im zweiten Kapitel Sadhana Pada beschrieben wird. In diesem Fall ist das Ergebnis das Schöpfen moralischer Kraft durch die Praxis der Yamas und Niyamas. Durch Asana und Pranayama erzielen wir physische, psychische und neuronale Kraft. Pratyahara und Dharana bringen Ordnung in einen lauten Geist voller Beschäftigungen und Sorgen und führen uns die innere, unveränderliche Unversehrtheit ins Bewusstsein, die immerwährend und unabhängig von äußeren Umständen als Kraftquelle in uns ruht. So reift durch Dhyana und Samadhi würdevoll unsere spirituelle Kraft heran.
  • Erkläre das Anfangsgebet der Kena Upanishad: „Mögen meine Glieder, Sprache, Lebensenergie, Augen, Ohren, Stärke und all meine Sinne zu großer Vitalität heranwachsen.“ Das Gebet ist der Kraft gewidmet und legt im weiteren Verlauf dar, dass wir stark sein müssen, um auf dem spirituellen Weg voranzuschreiten und in der Lage zu sein, die absolute Wahrheit (Brahman) zu erkennen.
  • Vergleiche verschiedene Systeme, die die Stufen der Erleuchtung beschreiben, etwa die Chakra-Theorie und die Bhumikas. Erforsche den Übergang von der Ichbezogenheit über universelles Mitgefühl bis hin zur Auflösung jeder Trennung.

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